Sozialistischer Tom, erhöre uns!

6. November 2012

Egal ob Sieg oder Niederlage, nach jedem Heimspiel pilgern die Gor-Fans zu Tom Mboya


Sonntags gehen Nairobis artigen Mädchen zum Gottesdienst. Als ich mit Jane, ihrem Freund und einigen ihrer Freundinnen aus der Gemeinde unlängst auf ein Stoney war (diese Wahnsinns-Ingwerlimo, die es hier gibt), überboten sich die Mädels darin, wer sich wie viele Gottesdienste an jenem Sonntag reingezogen hat. Die Gläubigste hatte zwischen 10 bis 15 Uhr drei Zeremonien geschafft.

Die weniger braven Mädchen und vor allem die bösen Jungs beten zwar auch – aber ihr Gottesdienst wirkt eher wie ein heidnischer Veitstanz: Sie sind Fans vor Gor Mahia, einer Fußballmannschaft, die sich rühmt, die übelsten Rowdies zu ihren Anhänger zu zählen. Ray, den ich bei der Parteizentrale der ODM traf, ist kein Rowdy sondern ein lieber Kerl. Er nahm mich mit, als echter Gor-Mahia-Fan und verpasst er kein Spiel. Und er erklärte: Nach dem Spiel ziehen die Fans in die Innenstadt und beten an der Tom-Mboya-Statue.

Schon auf dem Weg zum City Stadium sahen wir, wie sich die Fans einstimmten. Wir trotteten neben der Reihe von Autos her, die sich im Kriechgang in Richtung City Stadium bewegte. Am Steuer eines der Wagen saß ein Mann und saugte gierig den letzten Schluck aus seiner Ginflasche.

Das Duell hieß diesmal Gor gegen die Tusker Leopards. Tusker heißt hier auch das lokale Bier, dem Brauereikonzern East African Breweries Ltd gehört nicht nur die beliebte Marke, sondern neben dem Team auch gleich noch die ganze Fußballliga: Die Tusker Premier League – und vor dem Spiel lag Tusker ganze zwei Punkte vor Gor Mahia, drei Spieltage vor dem Ende der Saison.

Ins Stadion hinein zwängten wir uns durch eine kleine Metalltür in der Mauer, die die Arena umgibt. Unser Tickets waren windige Zettelchen, Kategorien gibt es nur zwei: Haupttribüne für 800 Shilling (gute sieben Euro) und 200 Shilling (einsachtzig) für den ganzen Rest. Ränge gibt es nur auf der überdachten Haupttribüne und auf aus Beton gegossenen Gegengerade, die ungefähr zehn Reihen hat. Die allermeisten Fans stehen auf einem Erdhügel, der sich als Ring um das Spielfeld zieht.

Das Spiel war solala und erinnerte eher an Deutschlands zweite Liga. Gor schoss einmal gefährlich aufs Tusker-Tor, der Keeper pritschte den Ball weg, aber er war wohl schon hinter der Linie. Aus die Maus, Gor war Tabelleführer und die Fans sprangen am Absperrzaun hoch, schwenkten Prügel, Fahnen, Stangen – was die nicht alles bei sich hatten! Ein Kerl vor mir hatte tatsächlich einen hölzernen Schlagstock im Gürtel stecken.

Wir zwängten uns wieder aus dem Stadion und liefen durch kleine Gassen und einen finsteren, überdachten Second-Hand-Markt zurück ins Zentrum von Nairobi, zum Ende der Tom-Mboya-Street. Dort steht auf einem Felssockel, umgeben von Flamingofiguren und einem plätschernden Brunnen die Statue des sozialisitischen Freheitskämpfers Tom Mboya, erschossen in Nairobi 1969. Der Grund warum in die Gor-Fans anbeten: Er ist Luo. Und Gor Mahia ist ein Luo-Club. Wer Luo ist, wählt im März vermutlich und ODM und Odinga, mag Gor und findet Mboya klasse. Odinga war auch mit im Stadion. Die Fans sangen: Heute schlagen wir Tusker, morgen wählen wir Odinga. Tribalism hat’s hier an jeder Ecke.

Die Gor-Fans rissen also kleine Äste von den Bäumen, brüllten, tanzten, bespritzten sich mit Wasser aus dem Mboya-Brunnen – und weil sie jetzt Spitzenreiter waren, feierten sie wild, aber sie blieben friedlich. Zum Kämpfen hätten sie auch niemanden gehabt. Tusker gilt als gekauftes Team, die Fans im Stadion waren 95 Prozent waren in Gor-grün gekleidet. Inzwischen hat Gor auch das vorletzte Spiel gewonnen (4:1) und könnte am kommenden Wochenende Meister werden. Die Party schau ich mir dann an.

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