Kenia sucht den Super-Chor

19. November 2012

KBC Ultimate Choir Show, Nakuru, 16.11.2012: Schaumkrone der Woge der Begeisterung

Seit Samstagabend wohne ich in Narobis Westen, genauer im Stadtteil Kilimani, in der Ole Odume Road in einem recht gewöhnlichen Appartmentkomplex mit dem stolzen Namen Elite Park. Gleich gegenüber der Bangladesh High Commission (so heißen hier alle Botschaften der Commonwealthländer).

Der Pool ist hier weniger schick als in der deutschen Schule, aber die Miete ist günstiger und ich genieße die Freiheit, eine Küche benutzen zu dürfen. Sollte ich auch noch einen Schreibtisch dazubekommen, ist mein Glück perfekt. Naja, fast.

Am Freitag hat Kate mich überredet, mit ihr nach Nakuru zu fahren, das liegt im Rift Valley etwa 200 Kilometer nordwestlich von Nairobi. Dort wurde gegeben: Kenia sucht den Superchor. „Ultimate Choir“ heißt der Wettbewerb, mit dem der altbackene Staatssender KBC die Tradition der Gopselchöre feiert und wiederbeleben will. Die zweite Staffel suchte den besten Chor in der Region Nakuru.

Das kleine Theater von Nakuru war der Schauplatz, es sah eine bisschen aus wie eine deutsche Dorfbühne, Gartenstühle aus Plastik waren die Sitzreihen und die Bühne war mit bunten Lichterketten verziert. Es sangen drei Chöre, die die Vorrunden überstanden hatten.

Wie die meisten Veranstaltung mit festem Ablaufplan hier, ging der Contest ungefähr eine Stunden nach der geplanten Anfangszeit los. Hinzu kam ein einstündiger Stromausfall, der mal wieder eine Gelegenheit bot, auf Kenya Power schimpfen zu können. Als die Frauen und Männer vom Chor Shepherds Voice gerade Bwana (Herr, also Gott) und seinen Sohn mit dem Lied Utam wa Yesu der tansanischen Sängerin Rose Muhando priesen (hier nachzuhören, Aufnahme des zweiten Anlaufs), gingen plötzlich alle Lichter aus.

HIER das Video zum Originalsong von Rose Muhando – sehr holy, aber schmissig. Und fragt nicht, warum man da am Anfang Explosionen sieht…

Die Türen waren zu, Fenster gab’s keine also war es plötzlich stockfinster. Ein groß Uwaaaahh! und dann strömten alle nach draußen auf die Wiese. In der deutschen Schule, in deren Internat ich ja die ersten vier Wochen gewohnt habe, springt immer binnen Sekunden ein Dieselagregat im Garten an. Am Freitag in Nakuru aber, als gerade der große staatliche Sender KBC das grand finale seiner Sonntagabendshow aufzeichnete, hatte keiner an einen Generator gedacht. Master of Ceremony war Nick, ein Freund meiner Kollegin Kate. Er telefonierte mit eine Vertreter von Kenya Power und erzählte danach, statt einer Entschuldigung oder ein Info, wie lange der Blackout dauert bekam er nur folgenden Tipp: Zeichnet eure Show am besten morgen auf.

Wie gesagt, es ging dann weiter, alles in allem dauerte der Ausflug drei Stunden länger als geplant. Der Gewinnerchor (kleines Soundbeispiel hier: „Conquerers are we“) nahm eine Millionen Shilling mit nach Hause, ca. 9000 Euro, und weil im Chor singen ein gar christlich Ding ist, wird damit zu allererst die Kirche verschönert. Der „Bischof“ der Gemeinde St Niklas, aus der die Gewinner stammen, war auch dabei und freute sich mit seinen Brüdern und Schwestern, als hätte er irgendwas zum Sieg beigetragen. Und das Event hat mich in Fernsehen gebracht, Nick sagt, Kate und ich hätten die Kameraleute bestochen, damit sie uns möglichst oft zeigen. Ich vermute eher, es lag daran, dass ich der Exot im Publikum war. Seht selbst.

Die Jury grübelt, der Exot im Publikum schaut kritisch – neben mir übrigens Kollegin Kate, die gute

Der Dirigent des siegreichen Chor hatte auf der Bühne noch großspurig getönt, er werde mit seinem Team den Pott holen. Als ihm Bwana gnädig war und es tatsächlich zum Titel „Bester Chor von Nakuru und Umgebung“ langte, war der gute Mann (Foto) fix und fertig und brach neben dem 1.000.000 Shilling-Scheck beinahe zusammen.

Bwana ist groß: Er glaubt ganz bestimmt, dass Veränderung mit Singen im Chor beginnt

Der Sonntag begann mit Stromausfall und mein neues Zuhause hat keinen Generator. Also setzte ich das Teewasser in einem Topf auf dem Gasherd auf. Aber ich habe eine Küche, die nicht um 18.3o Uhr abgesperrt wird, wie das im Boarding House der deutschen Schule immer der Fall ist. Und wenn es hier im Elite Park Strom gibt, ist das Internet hier deutlich stabiler als in der deutschen Schule. Und meine beiden Mitbewohnerinnen Sharon (Kenianerin) und Eyrun (in Island geborene Schwedin) scheinen nett zu sein.

Ach ja, und ich fahre jetzt Motorrad (Naja, eher ein Moped, Yamaha, 100 ccm). Ezekiel hat es mir geliehen, vermittelt hat das ganze ein Freund von Ezekiel, der in einem Yamaha-Laden arbeitet. Klingt komplizierter als es war. Ich zahle Ezekiel 800 Shilling Miete am Tag (7,20 Euro) und als ich ihm heute die zweite Rate für die nächsten fünf Tage vorbei brachte, war er fast peinlich berührt. Jetzt, da wir Freunde sind, soll ich doch auch reinkommen, sagte er und stellt mir Frau und Töchter vor. Und ich soll wiederkommen und gern länger bleiben, zum Beispiel an Weihnachten.

Motorradfahren ist gefährlich, sagen manche hier. Leider hat der heutige Bombenanschlag auf einen Bus in Eastleigh aber gezeigt: Auch Matatufahren kann gefährlich sein. Vermutlich ein Attentäter von Al Shabab schleuderte am Sonntagnachmittag eine Bombe in einen Bus der Linie 26. Fünf Tote sind bislang bestätigt, mindestens zwei Dutzend Menschen sind verletzt. Ein junger Mann, angeblich Somali, soll kurz vor der Explosion aus dem Bus gesprungen sein. Der Mob hätte ihn danach fast gelyncht, denn wer soll schon der Täter sein, als der somalische Junge? Das Video hier, auf der Seite der „Daily Nation“, zeigt sein Foto. In Eastleigh leben viele Somalis. Unmittelbar nach dem Anschlag kam es zu Schlägereien auf der Straße. Ich habe davon freilich gar nichts mitbekommen, wir waren schön beim Brasilianer essen und ich hab es vorhin im Fernsehen gesene. Einige Geschäfte wurden wohl geplündert. Jetzt bleibt zu hoffen, dass die Nacht ruhig verläuft und weder die Polizei noch aufgebrachte Bewohner von Eastleigh weiteres Unheil anrichten.

Trotz dieser schlimmen Nachricht zum Schluss: Macht euch bitte keine Sorgen. Mir geht’s prima hier, ich passe gut auf mich auf.

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Matatu: Je nach Tag, Uhrzeit und Laune des Schaffners kostet die Fahrt zum „Village Market“ 18 bis 54 Cent

Heute habe ich versucht, ein kleines  Radio zu kaufen. Bei Royal King, einem verschachtelten Elektrokaufhaus, gab es das Neuste vom Neusten: Ein kleines, rotes Kästchen mit mp3-Player, Radio und Wecker, mit USB-Anschluss und Cardreader für MiniSD. Leider aber: betrieben mit einem Nokia-Akku und außerdem war das windige Plastikding nicht nur in China hergestellt, sondern auch nur für Chinesischkönner beschriftet. Handys verkaufen dort alle Läden, Laptops und Headsets auch, alles, was in den vergangen fünf Jahren neu war, gibt es dort. Aber ein simples Batterien-betriebenes Radio war nicht einmal im Royal King aufzutreiben, obwohl mich drei Händler auf der Luthuli Ave unabhängig voneinander dort hingeschickt haben.

Die Luthuli Ave befindet sich im östlichen Teil der Innenstadt zehn Gehminuten vom großen Kreisverkehr „Old Nation“ (Limuru Rd./Slip Rd/River Rd.) Den erreicht man von der Deutschen Schule aus mit dem Matatu (siehe Foto), einem Kleinbus für 13 Fahrgäste, eine Matatu-Schaffner und einem Fahrer. Einfach downtown, wohin man genau will, ist egal. Alle fahren zu einem zentralen Plätzen im Zentrum. Der „Old Nation“ Kreisverkehr ist so chaotisch wie der Taxpark von Kampala und funktioniert auch so. Dutzende ineinander verkeilt scheinende Minibusse, die losfahren, wenn sie voll sind und die auf der Tür eine kleine Nummer haben. Nummer 106 sollte ich nehmen, hatten mir die freundlichen Jungs neben den 106er-Bussen an der Ausfahrt (Westseite des Platzes) gesagt – und von dort bin ich dann nachmittags auch wieder zurück gefahren, 15 Minuten bis Village Market. Das ist ein Einkaufszentrum gleich bei der Schule und auch der Name der Haltestelle, eine nach UN Avenue übrigens. Den Namen hat der Stop vom UN-Viertel, in dem sich neben der US-Botschaft (ummauert und beleuchtet wie Stadelheim und Santa Fu), die Botschaften Norwegens, Polens und Österreichs, außerdem UNICEF, UNEP und ein Wasserwerk befinden.

Auch wenn ich kein Radio kaufen konnte, ich habe meine erste kleine afrikanische Straßenschlacht erlebt. Die „Hokas“ (ich dachte erst, es geht um Prostitution) wurden von der Polizei verjagt. Hokas sind Straßenhändler, die von ihren ausgebreiteten Decken aus allerhand verkaufen und das nicht dürfen, erklärte mir ein Mann neben mir. Die Polizei feuerte Tränengas die Kilome Rd runter, die Attackierten warfen jede Menge Steine. Wer angefangen hat, wie es ausging, war nicht auszumachen, ich tippe aber auf die Polizei. Ich machte es den Fahrgästen und den Matatu-Fahrern nach und zog mich mit ihnen ein Stück zwischen die Kleinbusse auf dem Kreisverkehr zurück – und musste dann ohnehin in die andere Richtung. Liest sich so hingeschrieben jetzt wilder, als es war. Bin ja gestählt vom einen oder anderen Schanzenfest.