Krieg

26. November 2012

Es ist schon ein Elend mit dem Journalismus und dem afrikanischen Kontinent. Da kann man sich noch so sehr vornehmen, über die schönen Sachen zu schreiben, zuallererst ensteht dann doch die alte, traurige, schlimme Geschichte über den hoffnungslosen und völlig zerrütteten Ostkongo.

Andererseits: Die Leute müssen das wissen, denn nur so lässt sich vielleicht was ändern, irgendwann. Es muss geschrieben werden, dass Ruandas Präsident Paul Kagame nicht nur der saubere, tolle Präsident ist, als der er sich so hervorragend verkauft, und als den ihn seine westlichen Verbündeten so gerne sehen wollen. Sein Land ist pickobello, jeder Ausländer, den das afrikansiche Chaos auf den Straßen, in der Verwaltung und so weiter stresst, wird in Ruandas Hauptstadt Kigali befreit aufatmen. Kagames Land ist sauber, pünktlich und effizient. Aber? Aber!

Kagames Militär unterstützt den Krieg im Osten des Nachbarlandes DR Kongo nach Kräften, was ein UN-Report belegt. Darin zu sehen: Fotos von Munition, Uniformen und Gewehren, die nicht von der kongolesischen Armee stammen, sondern nachweislich und belegt durch zahlreiche Zeugenaussagen, von der ruandischen Armee. Die M23-Rebellen sind aber aus der kongolesischen Armee hervorgegangen und behaupten, sie hätten nur die erbeuteten Waffen zur Verfügung, die die kongolesische Armee in den Kasernen liegen gelassen hat.

Der UN-Bericht ist fast 50 Seiten lang und sehr detailiert und beweist das Gegenteil. Der Krieg im Kongo, das Elend, die Vertreibungen – das ist auch Kagames Werk, ohne die Hilfe aus dem sauberen Ruanda wäre Goma nicht gefallen.

Darum hier mal, leider nicht von der Grenze selbst oder aus Goma, sondern aus der ruandischen Hauptstadt Kigali geschrieben und von dort aus recherchiert, meine Geschichte über die M23-Rebellen, die sich selbst (und die auch einige Journalisten offenbar) als Befreier des Ostkongo sehen. Wie mir Kollegen aus Goma berichten, ist es dort jetzt ruhig und friedlich, seit die Rebellen die Stadt kontrollieren. Aber klar ist auch: M23 ist auf PR-Tour, gegenüber den Krisenreportern in der Stadt geben sie sich als Saubermänner, Menschen- und Ordnungsfreunde. Aber Zweifel sind wohl angebracht:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/kongo-krise-vormarsch-von-makengas-moerdertruppe-a-869079.html

Absurd außerdem: Ab 1. Januar sitzt Ruanda mit am Tisch im UN-Sicherheitsrat, gewählt haben das Land mehr als zwei Drittel der Uno-Generalversammlung, also aller Mitgliedstaaten. Zur Erklärung: Der Sicherheitsrat (15 Mitglieder) entscheidet über Sanktionen, die Entsendung von Blauhelmtruppen und ordnet Untersuchungen an. Er ist das mächtigste Organ der Staatengemeinschaft, hat man einen Sitz (so wie Deutschland zur Zeit) behält man den für zwei Jahre – es sei denn man ist die USA, Russland, Frankreich, China oder GB. Die sind immer drin, sogenannten permanent member states. Ruanda hat dann natürlich kein Veto und wenn alle sich einig sind, kann ein einzelner nicht-permanent-member-Staat wenig ausrichten. Trotzdem deprimierend? Yes, indeed. Darum jetzt, endlich, zu was schönerem.

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Ruanda

23. November 2012

Straßenlaternen überall: Verglichen mit dem finsteren, schmuddeligen Nairobi, wirkt Kigali in Ruanda 2012 wie eine südeuropäische Großstadt

Straßenlaternen überall: Verglichen mit dem finsteren, schmuddeligen Nairobi, wirkt Kigali in Ruanda 2012 wie eine südeuropäische Großstadt


Bin am Donnerstag spontan nach Ruanda geflogen, genauer: von Nairobi nach Kigali. Der Flug war großartig. Direkt von Nairobi aus ging’s Richtung Westen, glücklicherweise mit so viel Verspätung, dass wir kurz vor Sonnenuntergang über das Riftvalley geflogen sind. Die Sonne stand tief und die Schatten der parallelen Hügelketten waren irre schön anzusehen.

Die von Norden nach Süden laufenden viele Kilometer langen Falten und Spalten des großen afrikanischen Grabenbruchs sehen von oben wie ein riesiges verknittertes Tischtuch aus. Der mindestens 100 Kilometer breite Graben zwischen Nairobi und Viktoriasee ist mit struppigem Sträuchern bewachsen und meist felsig oder sandig braun. Dann flogen wir, weiter der untegehenden Sonne hinterher, über den Viktoriasee, an dessen westlichem Ufer noch ein Streifen Tansania liegt. Dahinter beginnt Ruanda.

Die Landschaft ist aus der Luft ebenfalls schwer beeindruckend. Durch den Kagera-Nationalpark fließt der gleichnamige Fluss, in dem praktisch aller Regen, der über Ruanda niedergeht, zusammenläuft. Nah am Fluss ist die Landschaft satt grün, es reiht sich See an See. Dazwischen mäanderte der Kagera-Nil, wegen der starken Regenfälle der vergangenen Tage ist sein Wasser rostrot, wegen der Erde, die er mit sich führt. An einer Stelle, an denen der Kagera in einen Seen hinein und ein Stück weiter gleich wieder raus fließt, ist der ganze See rotbraun. Direkt daneben liegt ein See, dessen Wasser aus der Luft fast schwarz aussieht.

Mein eigentliches Ziel der Reise war allerdings nicht, mir Wasser von oben anzusehen. Ich hatte vor, von Kigali aus Richtung kongolesischer Grenze zu fahren, aber das ist leider momentan nicht möglich, weil zu gefährlich.

An der Grenze zu DR Kongo, in Gisenyi, sitzen derzeit nach Angaben der ARD vor Ort ca 11.000 Familien (konservativ gerechnet 45.000 Menschen), die aus der Anfang der Woche von den M23-Rebellen eroberten Stadt Goma geflohen sind. Es gibt Agenturberichte über Erschießungen und Vergewaltigungen durch die M23-Rebellen. Außerdem sollen die Uno-Soldaten tatenlos zugesehen haben, während die Rebellen Goma einnahmen. Die Uno-Kommandanten hatten sich darauf verlassen, dass die M23 Wort hält und nicht nach Goma einmarschiert. Aber die Milizen haben sich spontan umentschieden.

Ich mache mich jetzt auf in die Innenstadt von Kigali. Vom Hotel aus sieht die hügelige Stadt beinahe italienisch aus, ein bisschen nach Emilia Romagna. Ich schaue bei der NGO Safe the children vorbei, vielleicht lässt sich ja aus der Ferne was sinnvolles schreiben.