Painting Nairobi

25. Dezember 2012

Graffiti for change: On the fire station this is the first image of the night, Mzee Jomo Kenyatta

Für die deutsche Version ein bisschen runter scrollen bitte:

The night before Christmas Eve B. and his friend decided to go painting, as a friend in Hamburg likes to call it. They had stanciles and wanted to paint their message to five walls in central Nairobi: Kenyans next step in its political evolution depends on the upcoming elections. Kenyans should try a revolution at the ballot by voting for a president who can walk upright – other then all previous once, the corrupt or even dicatorial Kenyatta, Moi and Kibaki.

Walk upright: Kenyas evolution, from beast to president (Kenyatta with flywhisker, Moi with scepter, Kibaki with gulf club) - the flagbearer is still to be chosen

Walk upright: Kenyas evolution, from beast to president (Kenyatta with flywhisker, Moi with scepter, Kibaki with gulf club) – the flagbearer is still to be chosen

The Crew was made up of some of the guys who also painted the now famous wall on City Market, this one here: Back then the authorities had no clue, what was happening, as B. and the guys were standing on the street in the middle of the night with laptops projectors and some spraycans. In the early morning hours of December 24 Kenyan authorities showed their ugly face: Two cops arrested B. and a local journalist, working for Italian RAI station, locked them up for some hours and are going to take them to court on January 8. The allegation: preparation of a fellony and incitement – against a journalist and a photographer, who painted a Graffiti on a wall, that is encouraging their fellow citizens to vote and to do it wisely. Merry Christmas.

Kenias politische Evolution

In der Nacht auf den Heiligabend war ich mit B. und seinen Freunden malen, wie ein guter Freund in Hamburg das nennt. Sie hatten Schablonen, also Stencils, dabei und wollten an fünf Wänden in Nairobi ihre Botschaft loswerden: Kenias nächster evolutionärer Schritt hängt von den kommenden Wahlen ab. Die Kenianer sollen für eine „Revolution an der Urne“ sorgen – und einen Präsidenten wählen, der den aufrechten Gang praktiziert, anders als die korrupten, teils diktatorisch regierenden Vorgänger Kenyatta, Moi und Kibaki.

Die Crew bestand aus den gleichen Jungs, die auch die Wand am City Market mit ihren Bildern gegen die Geier in Kenias Politik geschmückt haben. Damals hatte die Ordnungskräfte keine Schimmer, was sie da eigentlich machten, mit Laptops und Projektoren. In den Morgenstunden des 24.12. allerdings zeigte sich Kenia von seiner hässlichen Seite: Zwei Polizisten verhafteten B. und einen italienischen Journalistenkollegen der RAI, sperrten sie die Nacht über weg und am 8.1. müssen sie sich wegen der Vorbereitung einer Straftat und wegen Aufwiegelung vor Gericht verantworten – ein Journalist und ein Fotograf, die ein Graffiti an eine Wand gesprüht haben, die ihre Mitbürger mittels öffentlicher Kunst zur Besonnenheit aufrufen. Fröhliche Weihnachten.

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Krieg

26. November 2012

Es ist schon ein Elend mit dem Journalismus und dem afrikanischen Kontinent. Da kann man sich noch so sehr vornehmen, über die schönen Sachen zu schreiben, zuallererst ensteht dann doch die alte, traurige, schlimme Geschichte über den hoffnungslosen und völlig zerrütteten Ostkongo.

Andererseits: Die Leute müssen das wissen, denn nur so lässt sich vielleicht was ändern, irgendwann. Es muss geschrieben werden, dass Ruandas Präsident Paul Kagame nicht nur der saubere, tolle Präsident ist, als der er sich so hervorragend verkauft, und als den ihn seine westlichen Verbündeten so gerne sehen wollen. Sein Land ist pickobello, jeder Ausländer, den das afrikansiche Chaos auf den Straßen, in der Verwaltung und so weiter stresst, wird in Ruandas Hauptstadt Kigali befreit aufatmen. Kagames Land ist sauber, pünktlich und effizient. Aber? Aber!

Kagames Militär unterstützt den Krieg im Osten des Nachbarlandes DR Kongo nach Kräften, was ein UN-Report belegt. Darin zu sehen: Fotos von Munition, Uniformen und Gewehren, die nicht von der kongolesischen Armee stammen, sondern nachweislich und belegt durch zahlreiche Zeugenaussagen, von der ruandischen Armee. Die M23-Rebellen sind aber aus der kongolesischen Armee hervorgegangen und behaupten, sie hätten nur die erbeuteten Waffen zur Verfügung, die die kongolesische Armee in den Kasernen liegen gelassen hat.

Der UN-Bericht ist fast 50 Seiten lang und sehr detailiert und beweist das Gegenteil. Der Krieg im Kongo, das Elend, die Vertreibungen – das ist auch Kagames Werk, ohne die Hilfe aus dem sauberen Ruanda wäre Goma nicht gefallen.

Darum hier mal, leider nicht von der Grenze selbst oder aus Goma, sondern aus der ruandischen Hauptstadt Kigali geschrieben und von dort aus recherchiert, meine Geschichte über die M23-Rebellen, die sich selbst (und die auch einige Journalisten offenbar) als Befreier des Ostkongo sehen. Wie mir Kollegen aus Goma berichten, ist es dort jetzt ruhig und friedlich, seit die Rebellen die Stadt kontrollieren. Aber klar ist auch: M23 ist auf PR-Tour, gegenüber den Krisenreportern in der Stadt geben sie sich als Saubermänner, Menschen- und Ordnungsfreunde. Aber Zweifel sind wohl angebracht:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/kongo-krise-vormarsch-von-makengas-moerdertruppe-a-869079.html

Absurd außerdem: Ab 1. Januar sitzt Ruanda mit am Tisch im UN-Sicherheitsrat, gewählt haben das Land mehr als zwei Drittel der Uno-Generalversammlung, also aller Mitgliedstaaten. Zur Erklärung: Der Sicherheitsrat (15 Mitglieder) entscheidet über Sanktionen, die Entsendung von Blauhelmtruppen und ordnet Untersuchungen an. Er ist das mächtigste Organ der Staatengemeinschaft, hat man einen Sitz (so wie Deutschland zur Zeit) behält man den für zwei Jahre – es sei denn man ist die USA, Russland, Frankreich, China oder GB. Die sind immer drin, sogenannten permanent member states. Ruanda hat dann natürlich kein Veto und wenn alle sich einig sind, kann ein einzelner nicht-permanent-member-Staat wenig ausrichten. Trotzdem deprimierend? Yes, indeed. Darum jetzt, endlich, zu was schönerem.

Ruanda

23. November 2012

Straßenlaternen überall: Verglichen mit dem finsteren, schmuddeligen Nairobi, wirkt Kigali in Ruanda 2012 wie eine südeuropäische Großstadt

Straßenlaternen überall: Verglichen mit dem finsteren, schmuddeligen Nairobi, wirkt Kigali in Ruanda 2012 wie eine südeuropäische Großstadt


Bin am Donnerstag spontan nach Ruanda geflogen, genauer: von Nairobi nach Kigali. Der Flug war großartig. Direkt von Nairobi aus ging’s Richtung Westen, glücklicherweise mit so viel Verspätung, dass wir kurz vor Sonnenuntergang über das Riftvalley geflogen sind. Die Sonne stand tief und die Schatten der parallelen Hügelketten waren irre schön anzusehen.

Die von Norden nach Süden laufenden viele Kilometer langen Falten und Spalten des großen afrikanischen Grabenbruchs sehen von oben wie ein riesiges verknittertes Tischtuch aus. Der mindestens 100 Kilometer breite Graben zwischen Nairobi und Viktoriasee ist mit struppigem Sträuchern bewachsen und meist felsig oder sandig braun. Dann flogen wir, weiter der untegehenden Sonne hinterher, über den Viktoriasee, an dessen westlichem Ufer noch ein Streifen Tansania liegt. Dahinter beginnt Ruanda.

Die Landschaft ist aus der Luft ebenfalls schwer beeindruckend. Durch den Kagera-Nationalpark fließt der gleichnamige Fluss, in dem praktisch aller Regen, der über Ruanda niedergeht, zusammenläuft. Nah am Fluss ist die Landschaft satt grün, es reiht sich See an See. Dazwischen mäanderte der Kagera-Nil, wegen der starken Regenfälle der vergangenen Tage ist sein Wasser rostrot, wegen der Erde, die er mit sich führt. An einer Stelle, an denen der Kagera in einen Seen hinein und ein Stück weiter gleich wieder raus fließt, ist der ganze See rotbraun. Direkt daneben liegt ein See, dessen Wasser aus der Luft fast schwarz aussieht.

Mein eigentliches Ziel der Reise war allerdings nicht, mir Wasser von oben anzusehen. Ich hatte vor, von Kigali aus Richtung kongolesischer Grenze zu fahren, aber das ist leider momentan nicht möglich, weil zu gefährlich.

An der Grenze zu DR Kongo, in Gisenyi, sitzen derzeit nach Angaben der ARD vor Ort ca 11.000 Familien (konservativ gerechnet 45.000 Menschen), die aus der Anfang der Woche von den M23-Rebellen eroberten Stadt Goma geflohen sind. Es gibt Agenturberichte über Erschießungen und Vergewaltigungen durch die M23-Rebellen. Außerdem sollen die Uno-Soldaten tatenlos zugesehen haben, während die Rebellen Goma einnahmen. Die Uno-Kommandanten hatten sich darauf verlassen, dass die M23 Wort hält und nicht nach Goma einmarschiert. Aber die Milizen haben sich spontan umentschieden.

Ich mache mich jetzt auf in die Innenstadt von Kigali. Vom Hotel aus sieht die hügelige Stadt beinahe italienisch aus, ein bisschen nach Emilia Romagna. Ich schaue bei der NGO Safe the children vorbei, vielleicht lässt sich ja aus der Ferne was sinnvolles schreiben.

Mavulture – Zu viele Geier

20. November 2012

Mavulture-Graffiti in Nairobi: Sprühen gegen Korruption

Vor einigen Wochen haben Graffitikünstler eine Wand nahe des City Market in der Innenstadt Nairobis verschönert. Ihr Wandgemälde zeigt, was nach Ansicht vieler junger Städter in der kenianische Politik falsch läuft.

Ein Geier im Anzug, der sich als Stammesführer ausgibt, sitzt auf einem Thron und freut sich über die Ingoranz seiner willfährigen Gefolgschaft. Die Künstler prangern die herrschende Klasse der Politiker an, die den Reichtum Kenias unter sich aufgeteilt haben. Der Zorn richtet sich gegen Abgeordnete, die obszön hohe Diäten einstreichen und die immer wieder die Klientel- und Stammespolitik der Sachpolitik vorziehen, um die Armen für sich zu instrumentalisieren. Verändern wollen sie nichts, denn anders als Millionen Slumbewohner in Nairobi, Mombassa, Eldoret und Kisumu und anders als die Kenianer an der Küste und in den unterentwickelten Regionen im Norden und Nordosten leben die Geier prächtig im und vom status quo.

Gehört hatte ich von dem Graffiti schon, gesehen habe ich es gestern bei einer kleinen Ausfahrt ins Zentrum. Heute treffe ich Boniface, Gründer von Pawa254 (254 ist der contrycode für Kenia, Pawa steht für Power). Boniface ist einer der Initiatoren der Kampagne mavulture.com. Mavulture ist ein Sheng-Wort, ein jungendsprachlicher Mix aus Kisawahili und Englisch, und bedeutet: zu viele Geier. Auf der Webseite prangern Boniface und seine Mitstreiter einige der korruptesten Politiker Kenias an.

Kenia sucht den Super-Chor

19. November 2012

KBC Ultimate Choir Show, Nakuru, 16.11.2012: Schaumkrone der Woge der Begeisterung

Seit Samstagabend wohne ich in Narobis Westen, genauer im Stadtteil Kilimani, in der Ole Odume Road in einem recht gewöhnlichen Appartmentkomplex mit dem stolzen Namen Elite Park. Gleich gegenüber der Bangladesh High Commission (so heißen hier alle Botschaften der Commonwealthländer).

Der Pool ist hier weniger schick als in der deutschen Schule, aber die Miete ist günstiger und ich genieße die Freiheit, eine Küche benutzen zu dürfen. Sollte ich auch noch einen Schreibtisch dazubekommen, ist mein Glück perfekt. Naja, fast.

Am Freitag hat Kate mich überredet, mit ihr nach Nakuru zu fahren, das liegt im Rift Valley etwa 200 Kilometer nordwestlich von Nairobi. Dort wurde gegeben: Kenia sucht den Superchor. „Ultimate Choir“ heißt der Wettbewerb, mit dem der altbackene Staatssender KBC die Tradition der Gopselchöre feiert und wiederbeleben will. Die zweite Staffel suchte den besten Chor in der Region Nakuru.

Das kleine Theater von Nakuru war der Schauplatz, es sah eine bisschen aus wie eine deutsche Dorfbühne, Gartenstühle aus Plastik waren die Sitzreihen und die Bühne war mit bunten Lichterketten verziert. Es sangen drei Chöre, die die Vorrunden überstanden hatten.

Wie die meisten Veranstaltung mit festem Ablaufplan hier, ging der Contest ungefähr eine Stunden nach der geplanten Anfangszeit los. Hinzu kam ein einstündiger Stromausfall, der mal wieder eine Gelegenheit bot, auf Kenya Power schimpfen zu können. Als die Frauen und Männer vom Chor Shepherds Voice gerade Bwana (Herr, also Gott) und seinen Sohn mit dem Lied Utam wa Yesu der tansanischen Sängerin Rose Muhando priesen (hier nachzuhören, Aufnahme des zweiten Anlaufs), gingen plötzlich alle Lichter aus.

HIER das Video zum Originalsong von Rose Muhando – sehr holy, aber schmissig. Und fragt nicht, warum man da am Anfang Explosionen sieht…

Die Türen waren zu, Fenster gab’s keine also war es plötzlich stockfinster. Ein groß Uwaaaahh! und dann strömten alle nach draußen auf die Wiese. In der deutschen Schule, in deren Internat ich ja die ersten vier Wochen gewohnt habe, springt immer binnen Sekunden ein Dieselagregat im Garten an. Am Freitag in Nakuru aber, als gerade der große staatliche Sender KBC das grand finale seiner Sonntagabendshow aufzeichnete, hatte keiner an einen Generator gedacht. Master of Ceremony war Nick, ein Freund meiner Kollegin Kate. Er telefonierte mit eine Vertreter von Kenya Power und erzählte danach, statt einer Entschuldigung oder ein Info, wie lange der Blackout dauert bekam er nur folgenden Tipp: Zeichnet eure Show am besten morgen auf.

Wie gesagt, es ging dann weiter, alles in allem dauerte der Ausflug drei Stunden länger als geplant. Der Gewinnerchor (kleines Soundbeispiel hier: „Conquerers are we“) nahm eine Millionen Shilling mit nach Hause, ca. 9000 Euro, und weil im Chor singen ein gar christlich Ding ist, wird damit zu allererst die Kirche verschönert. Der „Bischof“ der Gemeinde St Niklas, aus der die Gewinner stammen, war auch dabei und freute sich mit seinen Brüdern und Schwestern, als hätte er irgendwas zum Sieg beigetragen. Und das Event hat mich in Fernsehen gebracht, Nick sagt, Kate und ich hätten die Kameraleute bestochen, damit sie uns möglichst oft zeigen. Ich vermute eher, es lag daran, dass ich der Exot im Publikum war. Seht selbst.

Die Jury grübelt, der Exot im Publikum schaut kritisch – neben mir übrigens Kollegin Kate, die gute

Der Dirigent des siegreichen Chor hatte auf der Bühne noch großspurig getönt, er werde mit seinem Team den Pott holen. Als ihm Bwana gnädig war und es tatsächlich zum Titel „Bester Chor von Nakuru und Umgebung“ langte, war der gute Mann (Foto) fix und fertig und brach neben dem 1.000.000 Shilling-Scheck beinahe zusammen.

Bwana ist groß: Er glaubt ganz bestimmt, dass Veränderung mit Singen im Chor beginnt

Der Sonntag begann mit Stromausfall und mein neues Zuhause hat keinen Generator. Also setzte ich das Teewasser in einem Topf auf dem Gasherd auf. Aber ich habe eine Küche, die nicht um 18.3o Uhr abgesperrt wird, wie das im Boarding House der deutschen Schule immer der Fall ist. Und wenn es hier im Elite Park Strom gibt, ist das Internet hier deutlich stabiler als in der deutschen Schule. Und meine beiden Mitbewohnerinnen Sharon (Kenianerin) und Eyrun (in Island geborene Schwedin) scheinen nett zu sein.

Ach ja, und ich fahre jetzt Motorrad (Naja, eher ein Moped, Yamaha, 100 ccm). Ezekiel hat es mir geliehen, vermittelt hat das ganze ein Freund von Ezekiel, der in einem Yamaha-Laden arbeitet. Klingt komplizierter als es war. Ich zahle Ezekiel 800 Shilling Miete am Tag (7,20 Euro) und als ich ihm heute die zweite Rate für die nächsten fünf Tage vorbei brachte, war er fast peinlich berührt. Jetzt, da wir Freunde sind, soll ich doch auch reinkommen, sagte er und stellt mir Frau und Töchter vor. Und ich soll wiederkommen und gern länger bleiben, zum Beispiel an Weihnachten.

Motorradfahren ist gefährlich, sagen manche hier. Leider hat der heutige Bombenanschlag auf einen Bus in Eastleigh aber gezeigt: Auch Matatufahren kann gefährlich sein. Vermutlich ein Attentäter von Al Shabab schleuderte am Sonntagnachmittag eine Bombe in einen Bus der Linie 26. Fünf Tote sind bislang bestätigt, mindestens zwei Dutzend Menschen sind verletzt. Ein junger Mann, angeblich Somali, soll kurz vor der Explosion aus dem Bus gesprungen sein. Der Mob hätte ihn danach fast gelyncht, denn wer soll schon der Täter sein, als der somalische Junge? Das Video hier, auf der Seite der „Daily Nation“, zeigt sein Foto. In Eastleigh leben viele Somalis. Unmittelbar nach dem Anschlag kam es zu Schlägereien auf der Straße. Ich habe davon freilich gar nichts mitbekommen, wir waren schön beim Brasilianer essen und ich hab es vorhin im Fernsehen gesene. Einige Geschäfte wurden wohl geplündert. Jetzt bleibt zu hoffen, dass die Nacht ruhig verläuft und weder die Polizei noch aufgebrachte Bewohner von Eastleigh weiteres Unheil anrichten.

Trotz dieser schlimmen Nachricht zum Schluss: Macht euch bitte keine Sorgen. Mir geht’s prima hier, ich passe gut auf mich auf.

Egal ob Sieg oder Niederlage, nach jedem Heimspiel pilgern die Gor-Fans zu Tom Mboya


Sonntags gehen Nairobis artigen Mädchen zum Gottesdienst. Als ich mit Jane, ihrem Freund und einigen ihrer Freundinnen aus der Gemeinde unlängst auf ein Stoney war (diese Wahnsinns-Ingwerlimo, die es hier gibt), überboten sich die Mädels darin, wer sich wie viele Gottesdienste an jenem Sonntag reingezogen hat. Die Gläubigste hatte zwischen 10 bis 15 Uhr drei Zeremonien geschafft.

Die weniger braven Mädchen und vor allem die bösen Jungs beten zwar auch – aber ihr Gottesdienst wirkt eher wie ein heidnischer Veitstanz: Sie sind Fans vor Gor Mahia, einer Fußballmannschaft, die sich rühmt, die übelsten Rowdies zu ihren Anhänger zu zählen. Ray, den ich bei der Parteizentrale der ODM traf, ist kein Rowdy sondern ein lieber Kerl. Er nahm mich mit, als echter Gor-Mahia-Fan und verpasst er kein Spiel. Und er erklärte: Nach dem Spiel ziehen die Fans in die Innenstadt und beten an der Tom-Mboya-Statue.

Schon auf dem Weg zum City Stadium sahen wir, wie sich die Fans einstimmten. Wir trotteten neben der Reihe von Autos her, die sich im Kriechgang in Richtung City Stadium bewegte. Am Steuer eines der Wagen saß ein Mann und saugte gierig den letzten Schluck aus seiner Ginflasche.

Das Duell hieß diesmal Gor gegen die Tusker Leopards. Tusker heißt hier auch das lokale Bier, dem Brauereikonzern East African Breweries Ltd gehört nicht nur die beliebte Marke, sondern neben dem Team auch gleich noch die ganze Fußballliga: Die Tusker Premier League – und vor dem Spiel lag Tusker ganze zwei Punkte vor Gor Mahia, drei Spieltage vor dem Ende der Saison.

Ins Stadion hinein zwängten wir uns durch eine kleine Metalltür in der Mauer, die die Arena umgibt. Unser Tickets waren windige Zettelchen, Kategorien gibt es nur zwei: Haupttribüne für 800 Shilling (gute sieben Euro) und 200 Shilling (einsachtzig) für den ganzen Rest. Ränge gibt es nur auf der überdachten Haupttribüne und auf aus Beton gegossenen Gegengerade, die ungefähr zehn Reihen hat. Die allermeisten Fans stehen auf einem Erdhügel, der sich als Ring um das Spielfeld zieht.

Das Spiel war solala und erinnerte eher an Deutschlands zweite Liga. Gor schoss einmal gefährlich aufs Tusker-Tor, der Keeper pritschte den Ball weg, aber er war wohl schon hinter der Linie. Aus die Maus, Gor war Tabelleführer und die Fans sprangen am Absperrzaun hoch, schwenkten Prügel, Fahnen, Stangen – was die nicht alles bei sich hatten! Ein Kerl vor mir hatte tatsächlich einen hölzernen Schlagstock im Gürtel stecken.

Wir zwängten uns wieder aus dem Stadion und liefen durch kleine Gassen und einen finsteren, überdachten Second-Hand-Markt zurück ins Zentrum von Nairobi, zum Ende der Tom-Mboya-Street. Dort steht auf einem Felssockel, umgeben von Flamingofiguren und einem plätschernden Brunnen die Statue des sozialisitischen Freheitskämpfers Tom Mboya, erschossen in Nairobi 1969. Der Grund warum in die Gor-Fans anbeten: Er ist Luo. Und Gor Mahia ist ein Luo-Club. Wer Luo ist, wählt im März vermutlich und ODM und Odinga, mag Gor und findet Mboya klasse. Odinga war auch mit im Stadion. Die Fans sangen: Heute schlagen wir Tusker, morgen wählen wir Odinga. Tribalism hat’s hier an jeder Ecke.

Die Gor-Fans rissen also kleine Äste von den Bäumen, brüllten, tanzten, bespritzten sich mit Wasser aus dem Mboya-Brunnen – und weil sie jetzt Spitzenreiter waren, feierten sie wild, aber sie blieben friedlich. Zum Kämpfen hätten sie auch niemanden gehabt. Tusker gilt als gekauftes Team, die Fans im Stadion waren 95 Prozent waren in Gor-grün gekleidet. Inzwischen hat Gor auch das vorletzte Spiel gewonnen (4:1) und könnte am kommenden Wochenende Meister werden. Die Party schau ich mir dann an.

SW, LW, MW, FM

22. Oktober 2012

Na also!

Leben hinter Mauern

22. Oktober 2012

Wie schon erwähnt, ist die Schule ziemlich gut ausgestattet, und man vergisst hinter den Tag und Nacht bewachten Mauern und Toren leicht, dass man in einer mitunter gefährlichen Stadt lebt. Nairobis Bewohner, die es sich leisten können und darum auch etwas zu verlieren haben, setzen nachts so gut wie nie einen Fuß auf die offene Straße. Fahrer, große Jeeps und Taxis bringen sie von A nach B und zurück.

Erstaunlich ist, wie schnell man sich so einem Lebensstil anpasst. Am Freitagabend war ich mit kenianischen Kollegen aus, im Simmer’s, und um Mitternacht holte mich „mein“ Fahrer ab: Frederic, der nette Mensch, der mich auch schon am Dienstag vom Flughafen bis hinters stählerne Tor der Deutschen Schule gefahren hatte. Eine SMS am Abend, ein kurzer Anruf um 0.30 Uhr und Francis war zur Stelle – denn in Nairobi nimmt man besser einen vertrauenswürdigen Fahrer, als einfach in irgendein Taxi zu steigen, raten einem alle hier.

Langes Intro für ein paar Fotos, aber hier schonmal ein paar idyllische Bilder aus meinem derzeitigen Heim, dem Internat (Boarding House) der Deutschen Schule Nairobi, das mir machmal etwas unwirklich vorkommt.

Am Samstag war Herr Osterdiekhoff von der Friedrich-Ebert-Stiftung hier in Nairobi so freundlich, sich mit mir zu treffen. Er ist seit drei Jahren in Nairobi, vorher war er in Angola und in einer Menge andere afrikanischer Länder. Sein Büro liegt neben der Westgate Mall – eines der Shoppingzentren um die das Leben der Gutsituierten hier hauptsächlich rotiert.

Diese Malls sind recht spezielle Orte: Dort kann man schön mit dem Landrover auf den Parkplatz fahren, Wächter bewachen alles und die Geschäfte bieten, vollklimatisiert, alle Annehmlichkeiten. Sehr praktisch, aber auch eine bizarre eigene Welt. Hier trifft Kenias Mittel- und Oberschicht auf Nairobis Gäste auf Zeit: Touristen, Journalisten und Botschaftsmitarbeiter aus aller Welt, sowie die Mitarbeiter der UN. UNEP und UN Habitat haben ihren Hauptsitz in Nairobi. UNHabitat ist mit 600 Mitarbeitern die kleinere der beiden UN-Organisation. Dazu kommt ein bunter Haufen an Hilfsorgnisationen und Stiftungen.

Oesterdiekhoff und ich unterhalten uns lange, fast drei Stunden dauerte der Rundflug durch die kenianische Politik. Erste Anzeichen für neue ethnisch motivierte Gewalt, Politiker, die Wählerstimmen kaufen, Parteien, die Kandidaten kaufen, Kandidaten, die plötzlich aufgeben oder sich neuen Allianzen anschließen, die Wählerregistrierung, die nur schleppend anläuft. Aber auch positive Zeichen: Die Verfassungsreform von 2010, eine für ostafrikanische Verhältnisse sehr unabhängige Justiz, viele einheimische Friedensinitiativen, unabhängige Kommissionen, die Hatespeech untersuchen und alle Richter einem Vetting Process unterziehen (Überprüfung wegen gekaufter Urteile und Gefälligkeiten für Politiker aus der Vergangenheit).

Am Nachmittag schwirrt mir der Kopf,  schnell gab’s beim Inder noch ein bisschen Kuku (Huhn, mal wieder) und dann war ich am Nachmittag mit Alex (Seychellen) und Gerard (Frankfurt am Main) Fußball spielen. Beide sind inters, also Praktis, bei der UN und eigentlich wollten wir mit deren Kollegen spielen, aber weil Feiertag war (früher mal Kenyatta Day nach dem Staatsgründer, heute Heldentag), fiel das Spiel aus. Also haben wir auf dem Fußballpatz der Schule ein bisschen gekickt. (Ja, die Schule hat einen eigenen. Und eine Laufbahn, einen Basketballplatz, einen Pool, einen Tennisplatz, einen kostenlosen Billardtisch und WLAN im Wohn- und Esszimmer des Boarding Houses, in dem ich für den Anfang mal wohne.) Immer wieder vergesse ich, wo ich eigentlich gerade bin, auf dem weitläufigen Areal – bis mir wieder auffällt, dass über dem Sportplatz Raubvögel und Marabus ihre Kreise ziehen.

Die meisten Kenianer ersparen mir die peinliche Frage „Und von welchem Stamm bist du so?“ Ungefragt erklären sie gerne woher ihre Vorfahren kommen und woher die ihrer Kollegen und Freunde sind. Die Ethnie erkennt man an vielerlei Dingen: An der Hautfarbe („Die Luo sind die mit der dunkelsten Haut.“ – das gilt allerdings für alle Niloten, also auch für Massai, Acholi und eine Menge mehr), an der Zahnlücke zwischen den unteren Schneidezähnen (Massai, die Lücke entsteht durch einen kosmetischen Eingriff), an ihrer Betriebsamkeit („Die meisten Kikuyu sind geschäftige Leute, ihnen gehören die meisten Firmen, auch die meisten Taxifahrer sind Kikuyu.“), an ihren legendären Körpermaßen („Er ist ein Massai. Das erkennst du daran, dass er so groß ist.“), an der inneren Einstellung („Wir Massai sind Krieger und mein Masai-Name bedeutet: Der, der stets seinen einmal eingeschlagenen Weg geht, immer geradeaus.“). Und natürlich am Nachnamen. Kate Ndonye (Stamm der Kamba) ist eine der Journalisten, die ich vorab kontaktiert hatte, um mir hier eine Art Praktikum zu besorgen. Kate gerät beim Mittagessen in der Kantine des Senders (ab Montag bin ich wohl Prakti bei KBC, dem staatliche Rundfunk hier) ins Schwärmen: „Wir haben 42 Sprachen und so viele Kulturen in unserem Land.“ Sie ist ehrlich begeistert von der Vielfalt. Doch dann sagt Kate noch: „Das Stammesdenken ist auch unser Fluch.“

Was sie meint ist, dass nach einem brachial geführten Wahlkampf Ende 2007 zwischen der Opposition und dem damaligen und heutigen Amtsinhaber Mwai Kibaki „die Hölle losbrach“, wie Kate sagt und wie zur Genüge nachzulesen ist. Paramilitärische Einheiten der Polizei, Habenichtse aus den Slums, gedungen als machetenschwingende Söldner für ein paar Nächte, und zahlungskräftige Aufwiegler, (darunter sollen auch Leute sein, die heute noch im Parlament sitzen), steckten Kenia zum Jahreswechsel 2007/2008 in Brand. Als sich Oppositionsführer Raila Odinga und Mwai Kibaki schließlich unter Vermittlung Kofi Anans auf ein Unentschieden einigten (Odinga soll haushoch gewonnen haben), und sich die zwei die Macht als Präsident und Premier brüderlich und stammesübergreifend teilten, war wieder Ruhe. Allerdings hatten bis dahin mindestens 1200 Kenianer ihr Leben gelassen, viele lagen schrecklich enstellt in den Straßengräben. Die meisten Opfer soll aber eine Spezialeinheit der Polizei, die General Service Unit (GSU), auf dem Gewissen gehabt haben. Vor allem Slumbewohner wurden hinterrücks niedergeschossen, ihre Verletzungen zeigten, dass das oft aus nächste Nähe geschah.

Von diesem Trauma hat sich Kenia noch nicht erholt. Einige sahen das Land damals auf dem Weg in einen von Stammeszugehörigkeiten bestimmten Bürgerkrieg, ein Gemetzel wie in Ruanda 1994 wurde befürchtet. Im März 2013 soll (wenn die Wählerregistrierung den rechtzeitig klappt und alle Parteien sich geeinigt haben, wer auf welchem Ticket um das höchste Staatsamt kämpft) wieder gewählt werden. Wegen der traumatischen Wahl und der exzessiven Gewalt vor fünf Jahren sind viele in  Kenia derzeit sehr besorgt und achten sehr genau auf jedes Wort im Wahlkampf.

Nur ein Beispiel aus der Zeitung „The Star“ vom Mittwoch: Die Abgeordnete (und Bischöfin einer Freikirche) Margaret Wanjiru will das Gouverneursamt in Nairobi Stadt gewinnen, und sagt bei einer Veranstaltung: „Ich will Gouverneurin werden. Aber es gibt das Mitbewerber, die kommen von weit her, aus Nyanza, und wollen das auch. Dazu sage ich nein.“ Nyanza liegt ganz im Westen, am Viktoriasee und dort leben fast ausschließlich Niloten, die meisten von ihnen vom Stamm der Luo. Was nach einer Kleinigkeit klingt, ist nach kenianischen Gesetz „Hatespeech“, auf Deutsch Volksverhetzung. Wenn nun ein Bayer in Deutschland über „Preißn“ lästert, ein Hamburger über „Bazis“ aus Süddeutschland, ist das nicht mehr als ein lahmer Witz. Die Kenianer erinnern solche Reden aber an die Zeit im Herbst 2007. Damals sortierten sich die Kandidaten für das Präsidentschaftsrennen schon vor der Wahl entlang ihrer Stammeslinien, die lokalen Radiosender hetzten in den Stammessprachen gegen die jeweils anderen Stämme und die Politiker sollen Milizen und Banden arbeits- und hoffnungsloser Jugendlicher aus den vielen Slums bezahlt haben, die jeweils anderen zu bekämpfen. Das klingt für mich alles schwer vorstellbar, aber viele Leute haben mir das so erzählt.

Es kann also sein, dass es nur eine kleine politische Dummheit von Bischöfin Wanjiru war – wahrscheinlicher aber ist, dass sie ihren Wählern in Nairobi eigentlich sagen wollte: Diese Luo da aus dem Westen stellen hier nicht den Gouverneur. Jetzt bekommt Frau Wanjiru Ärger: Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Keriako Tobiko, zeigte die Abgeordnete wegen „Hatespeech“ an und leitete eine CD mit einer Videoaufzeichnung der Rede Wanjirus an die Kommission für Integration und Kohäsion weiter, schreibt „The Star“. Die Kommission wacht genau über alle Äußerungen, die geeignet sind, Ethnien gegeneinander aufzuwiegeln oder Hass zu säen.

Weil es für mich so sonderbar klingt, hier noch eine Schlagzeile, die darauf hindeutet, dass Kenia (oder zumindest ihre Berichterstatter) zunehmend besorgt sind, knappe fünf Monate vor der Wahl. Über einem Text in der Tageszeitung „Daily Nation“  vom Donnerstag heißt es: „Beleidigende politische SMS werden blockiert“. Wer künftig eine Nachricht mit dem Handy senden will, die den Richtlinien der Communicaiton Commmission of Kenya (CCK) zuwiderläuft, kann lange simsen – die Nachricht kommt angeblich nicht durch. Bereits im Sommer wurde beschlossen, dass Massen-SMS der poltische Parteien vorher von einer Kontrollkommission abgesegnet werden müssen, damit sie frei von volksverhetzenden Inhalten sind. Der Hintergrund: Neben dem Radio waren SMS das Hauptwerkzeug, um während der ethnischen Ausschreitungen von 2007/2008 die Menschen aufeinander zu hetzen. Kenia hat 35 Millionen Einwohner, auf die verteilen sich 20 Millionen Handys.

Appelle gegen das Stammesdenken (Triablism) sind überall zu hören und zu lesen: One People, one Nation, one Destiny. No triablism. Und so weiter. Die einen sagen, die Kenianer haben ihre Lektion nach den schlimmen Erfahrungen von 2007/2008 gelernt. Die andere fürchten, dass es diesmal wieder genauso schlimm kommen könnte. Und alle hoffen, das „die einen“ Recht behalten.